In diesem Artikel geht es um Erlebnisse und Erkenntnisse beim Hören von Musik mit transportablem Medium (iPod und Kopfhörer). Sorry, dieser Artikel wird lang werden. Ich finde es ist eine schöne Art von dilettantischer (ital. dilettare aus lat. delectare „sich erfreuen“)
Kulturreflektion.
Ich erlaube mir deshalb den Luxus, den Gedanken, den ich anfange, auch zu Ende denken. Ich halte nicht viel von Dreizeilenblogs und Twittermessages. Während ich diesen Artikel schrieb, fiel mir ausserdem auf, dass ich noch vor weniger als 10 Jahren keinesfalls die Möglichkeiten gehabt hätte, mit entsprechenden Informationslinks an den wichtigen Stellen fast beliebig in die Tiefen der Detailinformation abzutauchen. Folgen Sie mir und meinen Gehirnwindungsergebnissen, solange Sie Freude daran haben. Klicken Sie auf die Links und Sie werden manche zusätzliche Überraschung erleben. Mein Ziel ist erfüllt, wenn Sie nach dem Lesen dieser Zeilen bereichert weiterziehen, durchs weltweite web.
Ich bin gerade von einer kleinen Reise nach Rom zurückgekehrt, die mir neben Arbeit, Besprechungen und viel gutem Essen auch die Weiterführung eines vor vielen Jahren begonnenen Projektes erlaubte. Es hat etwas mit dem Hören zu tun, und den durchaus vorhandenen Segnungen die die Erfindung des iPods mit sichr bringen kann.
Denn in meiner normalen Alltagsumgebung finde ich den inflationären Gebrauch des iPods eher kulturverhindernd. Wenn ich in Berlin durch die Stadt gehe, fühle ich mich manchmal wie von Robotern umgeben. Mittlerweilen sind es nicht mehr nur junge Leute, die sich zwei “Schallstöpsel” in die Ohren gesteckt haben und in ihrer eigenen Welt durch die mit uns geteilte Welt driften. Weg von aller Realität ganz eingetaucht in ihre eigene Blase.Das ist unkritischer Konsum und an manchen Gesichtern kann ich ablesen, dass es durchaus kein Hörvergnügen zu sein scheint, was da die Trommelfelle bombardiert. Mein Motto: De gustibus non est disputandum (deutsch: “Über Geschmack kann man nicht streiten.”).
Ja, ich bekenne, ich bin ein Neuigkeitenfetischist (ein early adopter wie die Marketingstrategen den “hab ich schon längst …” Typen nennen). Ich rannte schon 1985 mit der ersten Version eines tragbaren CD-Players von Sony herum. Der wog schlappe 2 kg und begleitete mich zum Skifahren. Ich machte einige Experimente damit, hatte allerdings viel mehr Freude an der Stille im Kopf, die einzog, als ich mich mehr der Meditation widmete. So ist es all die Jahre geblieben. Ich schätze Stille mehr, als das laute Geplärr von Radios oder die künstliche Schallhülle eines MP3 Spielers, eben jener “Schallstöpsel”. Und wenn schon Geräusche, dann die natürlichen Geräusche der Umgebung. In Nepal haben wir doch tatsächlich Wanderer getroffen, denen die Stille, das Vogelgetschwitscher und das Rauschen eines Wasserfalls nicht genug war. Sie brauchten Ihr eigenes, künstliches Programm.In einem Falle habe ich gefragt und stolz dröhnend schrillen Punkrock präsentiert bekommen. Ja gehts denn noch…?
Mittlerweilen habe ich einen iPod geschenkt bekommen. Ich nehme mir schon seit geraumer Zeit vor, ihn auch einmal auf Reisen mitzunehmen. Um ungestört damit experimentieren zu können. Dazu habe ich mir extra das Monstrum eines Sennheiser 280 pro gekauft. Mit dem arbeiten wir normalerweise im Studio um den Abmischungen der kikidan Produktionen den letzten Schliff zu geben. Er dämpft den von aussen kommenden Lärm auf ein Mindestmass und schafft - auch bei leiser Musik - einen wunderbar isolierten virtuellen Schallraum. Diese Kombination habe ich nun letzte Woche mitgenommen, auf eine Kurzreise in die ewige Stadt. Zusammen mit den etwa 1.000 Klassic CDs, die sich im Verlaufe der letzten 25 Jahre angesammelt haben.
Ein kleiner Rückblick: Meine ersten Auseinandersetzungen mit der Beeinflussung von Musik beim Betrachten bildender Kunst, sind jetzt etwas mehr als 35 Jahre alt. Für mein erstes Projekt in dieser Richtung hatte ich im Elsass aus Gemälden von Hieronymus Bosch die Monster herausfotografiert, Naturaufnahmen des Frühlings dazwischengeschoben und als Überblendprojektion für 4 Diaprojektoren mit Musik von Tangerine Dream hinterlegt. Das ganze Machwerk habe ich dann im Rathaus meiner Heimatstadt Amberg der völlig verständnislosen mittelalterlichen Bürgerschaft im Rahmen eines Abends für “junge, lokale Künstler” vorgeführt und mich über die heftigen Reaktionen verwundert.
Auch für meine erste Romreise (1977) hatte ich mir ein Projekt überlegt, das sich mit dem Einfluss klassischer Musik auf die Stimmungslage bei der Betrachtung von Kunst befasste. Ich wollte eine antike Statue fotografisch in Einzelteile zerlegen und genau bestimmen, welches Detail davon zu welchem Takt der Musik zu sehen sein würde. Das bereitete allerhand technische Umsetzungsschwierigkeiten. Als Objekt wählte ich die Gewandstatue der Niobe von Ciaramonte im Museo Gregoriano Profano innerhalb der vatikanischen Museen.
Musik dorthin mitzunehmen war technisch nicht möglich, also lernte ich die ausgewählte Ciaconna aus der Partita Nummer 2 für Violine Solo von Johann Sebastian Bach (damals in der Einspielung von Rudolf Gähler auf dem Rundbogen, jetzt wieder neu aufgelegt) auswendig und las so lange die Partitur dazu, bis ich wirklich jede Note auswendig kannte und im Kopf das Stück vorwärts und rückwärts hören und die Noten dazu sehen konnte. Dann, während meiner Romreise, nahm ich mir einen Tag Zeit und fotografierte die Ausschnitte der Statue, mit meiner Nikon auf SW-Film. Davon fertigte ich leicht vergrösserte Kontaktabzüge an und montierte diese in die Partitur. Es war quasi eine Partitur mit der visuellen Stimme zwischen den Noten. Hier stoppte dann das Projekt, weil ich nicht genug Geld hatte, die technische Umsetzung, wie ich sie mir vorstellte, auch zu realisieren.
Eine weitere, für mich nicht ohne weiteres selbstverständliche Wahrnehmung war in diesem Kontext, dass sich meine “Stimmung” durch das Hören klassischer Musik ganz allgemein verbessert. Meine Begleitmusik für alle fotografischen Arbeiten an Werken für Ausstellungen war “Das wohltemperierte Klavier” von J.S.Bach oder sein “Musikalisches Opfer”. Beide Stücke brachten mich in kurzer Zeit in einen speziellen Zustand, den man heute wohl Flow nennen würde. Meist bin ich auch nach einem tollen Konzert in der Berliner Philharmonie hochgestimmt nach Hause gegangen und oft schon hat ein Besuch im Kulturforum Berlin die Stimmung an einem regnerischen Tag gerettet.
So also beschloss ich, bei diesem Besuch in Rom eine alte Traditionen aufleben zu lassen und (erst einmal nur für mich) zu einem neuen Projekt zusammenzusetzen. Ich wollte herausfinden, was genau mit mir passiert, wenn ich mir mit viel Zeit Architektur und Kunst in Rom ansehe und dazu Musik anhöre, die ich vorher ausgewählt habe. Ich wollte alle Aufmerksamkeit auf die Veränderung meines Bewusstseins lenken und vielleicht lohnenswerte Verallgemeinerungen für mich (und andere) herausfinden. Dazu wollte ich die jeweiligen Wahrnehmungen gleich hinterher aufschreiben. Das hat sich jedoch als völlig unnötig herausgestellt. Die jeweiligen Erlebnisse waren so intensiv, dass sie auch jetzt noch, nach über einer Woche zu Hause, in mein Gehirn eingebrannt sind. Doch nun zur eigentlichen Geschichte. Ich begann meine Experimente ganz zahm in einer mir sehr lieben Kirche aus dem 12. Jahrhundert:
1. Santa Maria in Trastevere

Ich hatte mir dazu schon vorher das Ave Maria von Bach/Gounod (interpretiert von Yoshikazu Mera) ausgesucht. Mera ist ein japanischer Countertenor mit wunderbar leichter und ausgesprochen kultivierter Stimmdarbietung im japanischen Geschmack. Das mag nicht jedermanns Sache sein, ich höre Mera schon seit vielen Jahren als Alternative zu Andreas Scholl. Die Kultur des Countertenors ist bei uns ja nicht so beliebt und bekannt, wie in der übrigen Welt.
Dort sind deutsche Countertenöre, wie zum Beispiel Andreas Scholl Stars. Kennen SIE Ihn? Ich war etwas scheu, den massigen Kopfhörer einfach in der Kirche aufzusetzen. Nachdem allerdings (der Italiener geht ganz ungeniert damit um) zweimal ein Handy geklingelt hatte - und beantwortet worden war, dachte ich mir, dass mein Versuch ja auch eine Art von Andacht sei … und niemand achtete auf mich. Schon wegen der vielen Menschen in der Kirche die alle festlich gekleidet waren. Das Stück, das ich hörte, dauert 2 min. 47 sec. Innerhalb dieser Zeit spielte sich ein ganzes Stück grosses Kino vor meinen Augen ab.
Ich war nämlich mitten in einer Hochzeit gelandet, die Braut marschierte durch das lichtdurchflutete Portal an der Hand ihres Vaters zu den Klängen von Bach in die Kirche, der Pfarrer mit seinen Ministranten zog ein, die Kirche glänzte und funkelte, es war herzbewegend. Was im wirklichen Leben, draussen in der Kirche an Schallereignissen passierte, drang nicht zu mir vor. Interessant für mein Experiment war die Wahrnehmung, dass hier die relative Intimität der Aufnahme sehr gut zum prunkvoll festlichen Rahmen der Veranstaltung und des Ortes passte. Ich verliess hochgestimmt die Kirche.
Mein nächster Besuch galt dem

Dazu hatte mir vorher die Musik von Claudio Monteverdi ausgesucht: L’Orfeo in der wundervollen, hoch gepriesenen, der originalen Aufführungspraxis so weit wie möglich angenäherten Aufnahme des Ensemble la Venexiana. Ich malte mir aus, dass diese Produktion hervorragend zu Inneren von St. Peter passen würde. Allerdings war schon nach weniger als einer Minute klar, die Musik passt nicht zum Raum. Die Unmittelbarkeit und Transparenz der Aufnahme beisst sich geradezu mit der verschwenderischen Pracht des Kircheninneren. Das mag auch an meiner Kulturrezeption liegen, schliesslich wurde die Oper von Monteverdi als Beispiel für überladenden Pomp und Luxuriosität wahrgenommen.
Ich war also auf meine Intuition angewiesen und nach kurzem Stöbern stiess ich auf eine CD von Cecilia Bartoli: Italian Arias. Hier wählte ich aus der Oper La clemenza di Tito (von Christoph Willibald Gluck, mein oberpfälzer Landsmann, nicht die Oper von Mozart) die Arie der Vitellia: Tremo fra’ dubbi miei. Na, das war schon viel mehr nach meinem Geschmack. Erstens passt der Perfektionismus der Bartoli, der haarscharf am Manierismus vorbeischrammt, ausgezeichnet zur perfektionistischen Überladenheit des Petersdoms. Nur das Beste, das Grösste, das Schönste gilt. Mein Standpunkt in der Kirche, und das meine ich wörtlich, ich stand, ist mit der Nummer 1 gekennzeichnet. Blickachse bei Kopfdrehung sowohl ins Querschiff, als auch ins Längsschiff. Ein überwältigender Eindruck, ich bin in Hochstimmung, schon nach den siebeneinhalb Minuten, die diese Arie dauert.
Jetzt werde ich mutig, zumal die vielen Wächter, die ein Auge auf “aussergewöhnliche” Besucher werfen und sie zur Ordnung mahnen, achtlos an mir vorüberdefilieren. Ich will mich bewegen. Erneut muss Yoshikazu Mera herhalten, mit der Walzerarie Je te veux komponiert von Eric Satie. Das Stück hat einen solch eleganten Schwung, dass ich aufpassen muss, mich nicht im leichten Walzerschritt durch die ehrwürdige Kirche zu bewegen. Wäre das Blasphemie…? Mit dem Hören bekommt die perfektionistische Strenge des Raumes eine wunderbare Leichtigkeit. Ich achte auf Lichtströme, die Grazie der Plastiken, auf den Schimmer der Mosaiken in der Kuppel, ach, die knappen vier Minuten sind viel zu schnell vorbei und ich habe mich doch nur ein paar Meter zu Punkt 2 bewegt.
Das interessante Ergebnis dieses Experiments war für mich, wie ich mich mit Hilfe von Musik in unterschiedliche Wahrnehmungs- und Stimmungsebenen quasi hineinprogrammieren kann (denn das bin ja immer ich selbst, der das tut). Ein schöner “Beweis” für den NLP Grundsatz: Die Landkarte (meine Wahrnehmung vom Petersdom) ist nicht die Landschaft (der Petersdom). So weit so gut. Da fällt mir eine Aufnahme des Chores des Russischen Staatssymphonieorchesters ein. Sergey Rachmaninov, aus der Liturgie des Hl. Johannes Chrysostomos.
Dazu begebe ich mich zu Punkt drei, ganz nach hinten ins Kirchenschiff. Von diesem Punkt stammt auch das Foto des Innenraums weiter oben. Was soll ich sagen? Ich stand auf der Porphyrscheibe, auf der die deutschen Kaiser gekrönt wurden und mir wurde ganz urplötzlich so ehrfürchtig. Es hätte nicht viel gefehlt und ich wäre trotz der Besuchermassen in die Knie gesunken. Wieder ein völlig anderer Aspekt, ein Aspekt ursprünglicher Frömmigkeit und tiefer Gläubigkeit und Ehrfurcht. Ein wahres Wechselbad der Gefühle im strengen Kontrast zur Leichtigkeit der vorangegangenen Minuten. Ich schwebe mehr aus der Kirche, als ich gehe und die Mischung der einzelnen Gefühle hält noch Stunden an. Die Erlebnisse in der Kirche erscheinen übrigens prompt wieder vor meinem geistigen Auge, als ich die Musik gerade eben nochmals hier an meinem Schreibtisch hörte. Ich musste nur die Augen schliessen… (ist das ein akustischer Anker?). Das ist mir auch genügend Input für einen Tag, für den restlichen Tag ist Ruhe angesagt.
Hier der Grundriss von St. Peter und die einzelnen Punkte:

Am nächsten Morgen steht ein besonderer Leckerbissen für mich auf dem Programm: der Palazzo Altemps. Hier wird die Sammlung Ludovisi ausgestellt, zumindest das, was der italienische Staat im Jahre 1901 vor dem Ausverkauf retten konnte. Winckelmann entwickelte seine ästhetische Theorie mit und beim Betrachten der Ludovisischen Juno, die Goethe “meine erste italienische Liebe” nannte und sich einen Gipsabguss in sein Arbeitszimmer stellte (mehr Information dazu im verlinkten Artikel).
Die Sammlung Ludovisi war im 17., 18. und 19. Jahrhundert unbedingter Bestandteil der Grand Tour. Aus konservatorischen Gründen war die Sammlung bis Ende der 90er Jahre nicht zu sehen und so auch ein neuer und ungeduldig erwarteter Programmpunkt für mich. Ich begebe mich auf einen Streifzug durch den Palazzo und bleibe hängen beim:

Dies wird, so beschliesse ich, meine nächste “Eroberung” werden. Die Qualität der Skulptur erinnerte mich an die Niobe Ciaramonte und meine fotograische Arbeit von damals. Kein Zögern, hier kommt nur Musik von J.S. Bach in Frage.
Ich wähle aus altem Sentiment die Suite Nr. 4 in D-Dur für Cello solo, interpretiert von Paolo Pandolfo. Er spielt sie auf einer alten Viola da Gamba mit soviel Hingabe, schon bei den ersten Tönen stellt sich mir das Haar am ganzen Körper auf. (HIER können Sie Ihn spielen hören, scrollen Sie ganz nach unten, da finden Sie das Video. Die Suiten für Cello Solo sind leider vergriffen). Was soll ich sagen? Es ist ein Fest, ich höre die Suite Nr. 4, Suite Nr. 5 und gleich danach auch noch die Suite Nr. 6. Ich umkreise die Statue langsam, immer wieder aus unterschiedlichen Blickwinkeln die Augen ruhen lassend. Ich gehe in die eine Trance und dann wieder in eine andere.
Meine Augen erfassen winzige Details und manches Mal in Unschärfe die ruhende Gesamtheit der Figur. Die Zeit verfliegt und ich befinde mich nach 90 Minuten Betrachtung in einer Art von Flow, der auf einergeschätzten Schwingungsebene zwischen 500 und 600 kalibriert. So müssen sich früher die Menschen gefühlt haben, die Zeit hatten, zum Betrachten von Kunstwerken. Wie lange haben SIE schon damit zugebracht, ein Bild oder eine Plastik zu betrachten? Eine Minute, drei, oder gar 1o? Und dann…? Die eigentlichen Erkenntnisse liegen weit jenseits dieser Zeitschwellen. Ich glaube fest daran, dass ich auch einen ganzen Tag in stiller Zwiesprache mit dem Ares hätte verbringen können.
Oh, mit dem “Schwingungsebenen kalibrieren”, da habe ich ein Thema angeschnitten, das gehört dringend in einen anderen Blog. Das Buch von David R. Hawkins Power vs. Force gibt dazu Hintergrundinformation. Er ist mit Vorsicht zu lesen, es gibt kontroverse Meinungen. Ich nehme seine Ausführungen mit dem “was wäre wenn” Rahmen und arbeite damit.
Jedenfalls, und das ist der Punkt, ist mein “Schwingungs”zustand mit dem zu vergleichen, den ich nach einer Stunde Meditation in der Shwedagon Pagode in Bagan erreicht hatte. Dort meditierte ich in Gegenwart von Buddha, dessen Stirnplatte in der Pagode eingemauert ist. Oder mit dem nach stundenlangem Singen mit den Mönchen des Tempels der heiligen Quelle in Muktinath. Dieser Zustand, der mit einem seltsamen Gefühl erhöhter Wahrnehmungsfähigkeit einhergeht, hält noch Stunden nach meiner Beschäftigung mit dem Ares an. Er lässt mich die Realität in einem hell überhöhten Licht erscheinen. Ich hätte gar nichts dagegen, immer so durchs Leben zu gehen. DAS ist doch eine Ausbeute: zwei Stunden Museum, eine Statue betrachtet. Da hat sich mir ein wunderbares Tor geöffnet und ich überschlage kurz, wieviel hundert Jahre ich alt werden könnte, bis ich all die wundervollen Dinge in Rom intensiv betrachtet hätte. Kein Wunder, dass Goethe mehr als die vier Tage hier wohnte, die uns zur Verfügung standen.

Ja, und über meinen Besuch im Colosseum am nächsten Tag will ich nur kurz berichten. DAS war kein so angenehmes Erlebnis. Nach der obligatorischen Führung (vorher immer noch in der Hochstimmung des vorigen Tages) setze ich mich etwas ratlos erhöht auf eine der Stufen und kann das ganze Panorama überblicken. Was soll ich hören, dieser Besuch war nicht geplant. Beim Durchforsten fällt mir die 5. Symphonie von Gustav Mahler in der Interpretation mit dem Chicago Symphony Orchestra unter Georg Stolti und ich weiss bis heute noch nicht, was mich veranlasste, den ersten Satz ganz zu hören: Trauermarsch. Und gleich danach den vierten Satz, Adagietto. (Luchino Visconti verwendet die Musik in seinem Film Tod in Venedig).
Es dauert keine Minute und meine Tränen fliessen, ich sehe weisse Schleier aufwärts steigen und fühle all das Leid von damals. DAS also ist sie, so realisiere ich, die andere Seite der wunderbaren Statuen, Bauwerke und der Kulturepoche, die wir so hoch achten. Auch das Leid gehört zum Leben und so tauche ich hinab in die Tiefen der Ebene 75, wo das Leid, die Apathie und der Schmerz kalibrieren. Ich bin heilfroh, als ich dann diesen Ort hinter mir lassen kann und weiss auch, warum ich bei meinen Besuchen in den letzten 30 Jahren das Colosseum gemieden habe und auch in Zukunft wieder meiden werde.
WAS HABE ICH DARAUS GELERNT?
Im Nachhinein möchte ich keine meiner auditorischen Erfahrungen aus diesem Experiment missen. All diese Gefühls- und Schwingungsebenen gehören zum Leben, wenngleich ich gerne zugebe, die höheren Schwingungsebenen waren mir bedeutend lieber. Ich habe mich gefragt, ob ich mich vielleicht auch wegen meiner Arbeiten zum Thema Leid und Schmerz und Trauma während des diesjährigen Hypnose Workshops in all das Leiden im Colosseum eingeklinkt habe. Ich habe das Gefühl, dies war eine wichtige Lernerfahrung für mich.
Ausserdem weiss ich jetzt, dass ich starke akustische Anker in mir trage, die es mir (fast) jederzeit erlauben, den Zustand von FLOW zu erreichen. Ausserdem glaube ich daran, dass ich in der Lage bin, mich in die M-Felder der jeweiligen Orte einzuklinken. Der Begriff M-Feld kommt von Ruppert Sheldrake und ergibt nur Mist im Internet. Hawkins benutzt ihn als Erklärungsmodell für sehr interessante Theorien, die ich mit dem “was wäre, wenn”Rahmen anwende.
Darüber hinaus hat mich das Schreiben dieses Blogs in meiner Absicht beflügelt, angefangene Arbeiten meiner Vergangenheit fertigzustellen und hier im Web zu veröffentlichen. Halblebendiges aus dem Keller, aufräumen und Platz schaffen für eine neue Ebene. Es ist für mich wirklich befriedigend, in Muse ein Thema zu Ende zu denken und ohne Produktionszwang darüber zu reflektieren.
Mein Experiment mit dem Hören und gleichzeitigem Betrachten von Kunst werde ich in jedem Fall weiter verfolgen, der damit verbundene Genuss ist in der Kombination ungleich höher, als beim Hören oder Betrachten einzeln.
Und was die Betrachtung von Statuen im Palazzo Altemps betrifft, werde ich (und da bleibe ich ganz privat) beim nächsten Mal dem Künstler hinterherspüren, von dem dieses Werk stammt. Ich glaube da ist unsere Gesellschaft noch nicht so weit, die Erfahrungen daraus öffentlich kommunizeren zu können. Vielleicht denken Sie ja auch, ich wäre ein abgehobener Spinner. Nur zu. Schreiben Sie einen Kommentar dazu. Vielleicht haben Sie ja ähnliche Erfahrungen gemacht, vielleicht machen Sie ähnliche Erfahrungen, nachdem Sie diesen Artikel bis hierher gelesen haben. Jedenfalls bedanke ich mich für Ihre Gedult und Ihr Interesse, bis hierher ausgehalten zu haben.
Tags: Hypnose, Kunst, Marmor, Reisen« Erster Teil des TrainerTrack. – Anmerkungen und Ergänzungen zu “Power vs. Force” von D. Hawkins »

Hej Chris,…
Du bist einfach einer der “durchgeknalltesten Spinner” die ich je kennengelernt habe…
Viele, noch sehr genussvolle Grüße nach dem Lesen deiner Artikel
und dem besten Dank
Eike
Comment: Eike – 09. Juni 2009 @ 08:23
Hallo Chris,
ich habe es bis dato noch nicht nach Rom geschaft, und alle der von dir beschriebenen Musiken habe ich auch noch nicht gehört. Dennoch ist dein Artikel sehr inspirierend. Ich werde versuchen bei meinem nächsten Israelbesuch in ähnlicher Weise an die “Schätze” heranzutreten.
Ich war bisher jedes mal von den riesigen Menschenmassen irritiert, und abgelenkt.
Vielleicht gelingt es diese auszublenden, wenn ich eine pasende Musik dabei habe.
Danke für den bereichernden Artikel,
Sela
Comment: sela – 20. Juni 2009 @ 20:56
Hallo Chris,
tolles Experiment, reizt mich zum feedback.
Bach, ja Bach ist der Größte -…(!), aber für den Petersdom igendwie verschenkt, zu gemessen, zu redlich. Dort würde ich es mit Wagner versuchen, dem Tristan vielleicht, (zu angepasst), der Götterdämmerung ?, nein, besser der Walküre! , Aber das käme einem Sakrileg gleich, was der Petersdom auch verdient hätte. Die Wucht der Architektur, ihr Machtanspruch, die vielen repräsentativen Leichen, konserviert für die Ewigkeit.
Doch, nächstes Mal im Domareal in Begleitung der Walküre. Ich höre Wagner sonst kaum - zu viel Gewaber - aber in dieser Kombination wäre es toll! Und das Rheingold auf dem Vorplatz. Danke für die Anregung.
Bei Rom, herrlicher Ort, OLD EUROPE of its best, Petersdom, fällt mir als künstlerische Erfahrung immer primär die Sixtinische Kapelle ein. Du schreibst nicht von ihr…???
Doch, ich liebe Einiges in der bildenen Kunst, im Elsaß, in Arezzo den Piero de la Francesca und insbesonere ein Kreuz dort aus dem 12. Jahrhundert, aber gerissen hat mich der Blick auf die Fresken in der Sixtinischen Kapelle. Ich habe mir vorgetellt, ich läge da wie der Michelangelo auf dem Gerüst, und hielte die innere Spannung aufrecht. Hab ich nur über wenige Sekunden vermocht, dann ging meine Vorstellung in die Knie.. Da waren alle Pauken und Fanfaren schon inclusive: ein Riesencluster an Energie. Und wie Cioran sagte, dass Gott durch Bach gerechtfertigt sei - könnte man meinen, dass das Papsttum durch Michelangelo gerechfertigt ist?
Ich weiß nicht, ich finde, dass er einfach zuviel(!) durch die kirchliche Verteufelung seiner Homosexualität gelitten hat - aber einen Ablasszettel für einen Teil ihres Machtgebahres will ich gerne zugestehen. Die Sixtinische Kapelle ist das Beste, was ich in der bildenden Kunst je gesehen habe.
Herzlichen Gruß!
M.
Comment: Marlis – 11. Oktober 2009 @ 22:10