Das deutsche Feuilleton wanzt (anwanzen) sich mit Arroganz an die erfolgreiche Blogerkultur an. Heute lese ich im Berliner Tagesspiegel (Nr. 19 402 vom Fr., 15. Dez. 2006), dass die Hochkultur die Blogger entdeckt. TOLL. Was für eine Arroganz steckt hinter dieser Aussage. Da verbrämen die Herren Feuilletonredakteure meiner Ansicht nach verschämt, welche Umwälzung in unseren Gesellschaften im Moment passiert. Als wäre es so, dass die werte Bloggergemeinde auf die Entdeckung durch die Herren Vertreter der Hochkultur angewiesen wäre. Es ist genau und Gott sei Dank umgekehrt. Ich sehe die Herren, grün vor Neid atemlos hinter einem kulturgesellschaftlichen Phänomen herhetzen, das sie ob des mittlerweile vorherrschenden Tempos nur noch von weitem an der Staubwolke in der Entfernung erkennen können.
Ich vermute, es ist zum Thema BLOG und Blog schreiben schon viel zu viel geschrieben worden – auch in den deutschsprachigen Feuilletons. Man kann ja ein Phänomen auch zerreden und zerschreiben. Ich gebe es an dieser Stelle einmal ganz ehrlich zu: Ich lese viel weniger Blog, als ich schreibe. Ehrlich. Dazu bin ich viel zu beschäftigt. Ich denke mir, es ist für mein persönliches Fortkommen bekömmlicher, einen Blog zu schreiben, als einen zu lesen. Mit 52 Jahren ist meine Ansicht über die Welt schon einigermaßen gefestigt.
Und um noch einige Worte zur aktuellen Situation des deutschen Feuilletons zu verlieren: Mancher Feuilletonist würde sich freuen, wenn er die Leserquote der erfolgreichen Blogs weltweit auch nur annähernd erreichen könnte. Selbst so ein kleiner Blog wie der, den Sie gerade lesen, hat über 15.000 regelmässige Leser.
Seit ich den ersten Artikel hier im Web veröffentlicht habe, denke ich über meine Gründe nach, einen Blog zu schreiben. Wie Viele meiner Leser wissen, liegen Teile meiner professionellen Wurzeln im Bereich des linguistischen Aktionismus (genannt NLP). Deshalb verwundert es Sie sicherlich nicht, hier eine sequentielle Schrittstrategie zu finden, die schnell zu einem guten Blogeintrag führt. Vielleicht gefällt es Ihnen, damit selbst einmal zu experimentieren.
A. Sequentielle Strategie für meine Blogeinträge
1. Idee haben
Ideen für Blogs liegen auf der Strasse, stehen in der Zeitung, werden im Kino gezeigt. Idee ist Leben, das Leben bringt Ideen. Viele Menschen generieren Ideen aus den Gegenbeispielen. Das Thema für diesen Blog (siehe oben) ist ein Zeitungsartikel. Die Formulierung hat mich zum Nachdenken angeregt – und zur Formulierung des Widerspruchs.
2. Gedanken im Kopf durcharbeiten und schriftfertig machen
Dann muss die Idee im Kopf reifen. Das bedeutet auf der einen Seite, einen Gedanken bis zum Ende fertigzudenken, auf der anderen Seite meine ich auch damit, den gedanklichen Fokus für eine bestimmte Weile (und manchmal können das Jahre sein) auf die Idee konzentrieren. Mit der Idee im Kopf und sei es auch nur unbewusst schneide ich mir eben jene Scheibe aus der Realität meines Lebens, die der Fortentwicklung dieser Idee entspricht. Erlebnisse, Gespräche und andere Zufälligkeiten scheinen sich während dieser Zeit unauffällig und thematisch zentriert zusammenzufügen, dass ein Gebäude zu entstehen beginnt. Auch bei solch relativ komplexen Projekten wie Präsentationen und Workshops ist dieser Schritt präsent. In meiner Präsentation WHAT I DID ON STAGE (können Sie zwei Blogs früher herausfinden) stammen fast alle erzählten Metaphern aus meinem Leben in dieser Zeit. Ich habe gelernt, die Sinnfälligkeit dieses Mechanismus zu akzeptieren, bis dann dieses Thema zu einer bestimmten Zeit aus mir herausbricht – oder eben hervorgelockt werden kann. Das heißt, ich habe schon eine relativ gute Vorstellung von dem, was ich zu einem gegebenen Thema zu Papier bringen will.
3. Gedanken aufschreiben
Die Technik, die nötig ist, diesen gedachten Gedanken auch so zu Papier zu bringen, wie ich ihn gedacht habe, das könnte bei mir Bände füllen und hat bei vielen Autoren schon Bände gefüllt. Gerade gestern hatte ich mit meinen beiden Assistenten eine lange Diskussion darüber. Beide beklagen sich über die Unfähigkeit einen Gedanken, den sie denken, auch aufzuschreiben. Meine Technik und auch mein Ratschlage beginnt mit dem inneren Dialog. Wenn ich mir selbst immer wieder vorsage, dass ich nicht schreiben kann, wird auch nix dabei herauskommen. Ich setze mich mit positiven Gedanken an den Computer oder, für den Anfang viel besser, SIE setzen sich mit einem FÜLLER und einem Blatt Papier an einen Tisch. Füller und Papier verlangsamen den Prozess der Transformation vom Gedanken zum schriftlich gefassten. Wenn Sie sich also Raum und Zeit geschaffen haben, dann können Sie mit dem Gedanken im Kopf einfach zu schreiben beginnen. Meist ergibt sich dann aus dem Einen das Nächste und Fehlendes fällt auf und auch wenn Sie zum Anfang der Stil nicht zufrieden stellen sollte, so steht doch schon eine Menge auf dem Blatt.
4. Korrekturdurchläufe
Und dann beginnt für mich die eigentliche Arbeit an einem Text. Bis hierher haben Zeit und Lebensumfeld für mich gearbeitet, jetzt will ich sowohl eine gewisse Flüssigkeit, als auch eine logische Schlüssigkeit in meinen Text hineineditieren. Blogs wie dieser sind übrigens eine Ausnahme. Weiter unten werde ich über meine Motivation, Blogs zu schreiben noch ein paar Worte verlieren. Hier soviel: Ich übe, einen gedachten Gedanken so weit fertig zu denken, dass ich ihn flüssig und logisch zu Papier bringen kann. Deshalb editiere ich wenig und werde dann nach einer bestimmten Zeit (ich denke an ein Jahr) nachsehen, ob sich die innere Qualität der Texte ändert. Aber ansonsten ist mein erster Schritt, den Text erst einmal über Nacht oder über einige Tage hin liegen zu lassen. Mit frischem Geist und frischem Auge fallen mir dann viel mehr Ungereimtheiten auf, als direkt danach. Zuerst lese ich den Text auf logische Konsistenz hin durch. Das heißt, ich achte darauf, dass alles, was für einen logischen Fluss nötig ist, auch geschrieben steht. Bei vielem Denken passiert mir häufig der Fehler, dass ich im Ausdruck Sprünge mache, die ich zwar gedacht habe, aber beim Schreiben ausgelassen habe. Satzstellung, Rechtschreibung und Kommataregeln laufen bei mir nebenher mit. Manchmal überlege ich mir noch die Dramatisierung eines Textes, einfach damit sich der Inhalt spannender liest.
Hier habe ich vier spannende Begleiter, die mich viel gelehrt haben. Sol Stein: Über das Schreiben, Zweitausendeins Verlag. Otto Kruse: Kunst und Technik des Erzählens, Zweitausendeins Verlag. Wolf Schneider: Deutsch für Profis, Stern Buch. Ludwig Reiners: Stilkunst – Ein Lehrbuch deutscher Prosa, C. H. Beck Verlag. Diese Bücher beinhalten so Vieles, dass sie mich schon viele Jahre begleitet haben und immer noch lese ich Neues und Wissenswertes darin. Und natürlich finden Sie in jedem spannenden Buch immer auch noch die Ebene des Lernens. Sie können sich fragen: Wie hat er das nur gemacht…? Clive Cussler, Tom Clancy, Noah Gordon, Neal Stephenson und Andreas Eschbach sind einige der Autoren, die sowohl spannende Ferienlektüre als auch lehrreiche Beispielgeber für Dramaturgie und sprachlichen Ausdruck sind. Selbst Fachbücher sollten dem Anspruch genügen, allgemeinverständlich und spannend geschrieben zu sein UND den wissenschaftlichen Aspekt klar zu vertreten. Falls Sie auch hier an Beispielen interessiet sind: Meine all time favourites in diesem Genre sind Theodor Mommsen: Römische Geschichte, Julian Jaynes: Der Ursprung des Bewusstseins durch den Zusammenbruch der bikameralen Psyche und Steward Brand: The Clock of the Long Now.
Es ist ganz hilfreich, wenn Sie sich selbst hinsetzen und einmal aufschreiben, nach wie vielen Aspekten Sie in der Lage sind, einen Text Korrektur zu lesen. Ich komme auf mindestens 9 Schritte, die von der Konsiszenz der inneren Logik bis zur Rechtschreibung und grammatikalischen Korrektheit reichen. So Viel für heute und zum Thema. Haben Sie auch Strategien oder gute Tipps, wie Blogschreiben einfach UND anspruchsvoll möglich ist? Unten ist viel Platz dafür…
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