Der ehrenwerte Herr Ho geht einem seltsamen Beruf nach. Er ist Marmormaler. Nicht jetzt, wie Sie vielleicht denken, mit Farben oder so. Nein, seine Kunstwerke schafft die Natur. Doch lassen Sie mich von Anfang an erzählen.
Seit Jahren reise ich in China, sehe mir die Kunstschätze an und kaufe alte Möbel, die ich auch sammle. Naturgemäss ist die ästhetische Orientierung unterschiedlich zu unserem europäischen Geschmack.China hat schliesslich über 3000 Jahre Zeit gehabt, die Verfeinerung des Geschmacks auf die Spitze zu treiben. Immer wieder begegnet mir dauerhafter Marmor, eingelegt in Möbel auf eine Art, wie wir Furnier verwenden. Auf die Frage, wo denn dieser Marmor herkomme, gibt es immer die gleiche Antwort: DALI. Da liegt also der Hund begraben. Dieses Jahr nun führte mich meine Reise nach Yuennan, die südlichste Provinz Chinas (und man sagt mit Recht, die schönste…) und dort, an den Fusshügeln des Himalaya, auf 2100 m Höhe, da liegt Dali. Und dort lernte ich Herrn Ho kennen.

Herr Ho ist ein einfacher Mann, der sein Handwerk von seinem Vater erlernt hat, wie dieser von seinem Vater und so weiter, durch viele Generationen der Familiengeschichte. Herr Ho macht sich etwa einmal im Monat auf den Weg und klettert mit seinem Esel etwa 6 Stunden auf verschlungenen Pfaden bergauf. Er sucht Marmor. Der schöngezeichnete Marmor, mit dem er arbeitet, findet sich leider erst in Höhen über 4000m. Schon Michelangelo fand in Italien das gleiche Phänomen und auch hier ist die Arbeit mühselig. Die Maromorfamilien in Dali haben jeweils ihre eigenen, meist geheimen Plätze, an denen sie nach Marmor graben. Je nach Vermögen und Fachkunde hat so ein Block dann eine ungefähre Grösse von 30×30x40 cm. Und er kann einen Schatz bergen. Das weiss Herr Ho allerdings erst, wenn er diesen Block den Berg hinabtransportiert hat. Dann nämlich gibt er ihn zur Steinsäge. Seine Erfahrung sagt Ihm, in welchem Winkel und in welchen Abschnitten der Block zersägt wird. Und heraus kommen: Viel Abfall und das eine oder andere richtige Kunstwerk.
Was Herrn Ho dann noch zu tun bleibt, ist die Auswahl des richtigen Bildausschnittes, das Zusägen, Polieren, schliesslich das Aufbringen einer schützenden Wachsschicht und die Rahmung des Bildes. Manchmal beauftragt er einen Kalligraphen, eine poetische Bemerkung über die mögliche Interpretation des Werkes anzubringen. Ein Beispiel: “Morgennebel steigt über den Bergen von Lishan auf.”
Die Erklärung der Entstehung ist unverbindlich, weil das geologische Wissen bei den einfachen Menschen relativ bescheiden ist. Dies konnte ich in Erfahrung bringen: In etwa 200 km Entfernung gibt es eine vulkanisch sehr aktive Zone, der letzte Ausbruch liegt weniger als 20 Jahre zurück. In den Zeiten, als sich im Meer das Sediment absetzte, aus dem dann schliesslich der Marmor entstehen sollte, gab es immer wieder grosse Vulkanausbrüche, die dunklere Ascheschichten im Sediment hinterliessen. Über geologische Verwerfungen und die damit verbundenen hohen Drücke kam es im Laufe der Äonen dann zur Kristallbildung und zu jenem seltsamen Formenspiel der Natur.

Die Chinesen schätzen Bilder aus diesem Marmor sehr hoch. Je näher an der Natur die Zeichnung liegt, desto höher wird die Arbeit geschätzt. Natürlich spielt auch die Grösse eine Rolle. Ich habe am Ende dieses Artikels einige Beispiele aufgeführt. Wenn es der Zufall will, dass ein Marmor ein gesuchtes Schriftzeichen abbildet (unten das Zeichen für “langes Leben”), erzielen diese Werke die höchsten Preise. Der links unten abgebildete Wandschirm wurde für etwas mehr als 280.000 Euro verkauft. Ebenfalls sehr gesucht sind die rosa Einsprengsel, die die Chinesen an Kirsch- oder Pflaumenblüten erinnern. Dasrechts unten abgebildete Bild wurde für 42.000 Euro verkauft. Gute Landschaften in einer Grösse von etwa 30 x 40 cm kann man schon für einige hundert Euro ergattern. Natürlich gibt es auch jede Menge an Souvenierschrott, aufgemalte und nachpigmentierte Pseudobilder. Die Chinesen sind Meister im Fälschen und so erkennt dann nur das fachkundige Auge die Künstlichkeit der Natürlichkeit. Ein Glück für den abenteuerlichen Europäer ist, dass unser Geschmack (über den sich ja bekanntlich nicht streiten lässt), manchmal SEHR von dem abweicht, was die Chinesen als schön empfinden. So kann man oft wunderbare Entdeckungen für einen durchaus akzeptablen Preis machen.
Damit befasst sich allerdings der ehrenwerte Herr Ho nicht mehr. Er übergibt die fertigen Bilder seiner Frau, die sie schätzt, die Preise festlegt und im eigenen kleinen Laden am Rande der Altstadt anbietet. Davon kann die ganze Familie gut leben. Der 3jährige Sohn Lao hat in dieser Hinsicht sein Schicksal schon bestimmt. Das also ist der seltsame Beruf des ehrenwerten Herrn Ho aus Dali. Und wenn Sie selbst einmal der Weg nach Dali führen sollte, so besuchen Sie ihn. Er wird sich sehr freuen. Und vielleicht gefällt Ihnen ja eines seiner Werke, die die Natur geschaffen hat. Unten finden Sie auch seine Visitenkarte abgebildet. Jeder Taxifahrer kann Sie dort hinbringen.


« Haben Sie schon mal Brot im heissen Sand gebacken? – Zum Wandern nach Hongkong…? »
Noch keine Kommentare.
